14. Oktober 2015

Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz.

Am 05.12.1977 kam ich mit 19 in West-Berlin als Student an. Ich studierte, las und versuchte mich zu informieren über meine Umgebung, über die Menschen, deren Alltag ich von nun an teilen würde.

Ich ging in Museen, besuchte die Dauerausstellung "Deutsche Geschichte" im damaligen an der Mauer gelegenen Reichstag. Ich begann rückwärts, zuerst bei der Geschichte der BRD und der deutschen Teilung, dem Zweiten Weltkrieg und der 12-jährigen NS-Herrschaft, der Weimarer Republik und dem Ersten Weltkrieg, tauchte weiter in die "Vormärz-Zeit" 1848/49 und ging noch tiefer zurück.

Ich liebte die Vielfalt, wanderte durch Deutschland, erfreute mich über Bayrische Trachten und Gesänge, genoss die Weinfeste der Hessen und Pfälzer, bewunderte die Kohlen-Malochen der Ruhgebieter und ihre polnischen Nachnamen, versuchte mit Freude die Anglistischen Lieder der Norddeutschen zu entziffern und kehrte nach Berlin zurück, setzte mich in eine Urkneipe und bestellte "Berline Weiße mit Schuss".

Ich las die "Dreigroschenoper" auf Deutsch, nachdem ich sie zuvor auf Arabisch las. Ich lernte die Namen der Politiker auswendig, bewunderte Helmut Schmidt für seine unbeirrten Entscheidungen, den RAF-Terror zu bekämpfen, sang mit den Linken internationale Lieder, diskutierte mit Rechtskonservativen Deutschlandbilder und konnte bereits damals vieles, was sie mir erzählten, nachvollziehen und verstehen.

Damals wohnte ich in der Weisestraße gegenüber dem Hasenheide-Volkspark im Stadtteil Neukölln. Dort gab es das Restaurant "Zum Jäger" mit den besten Schweineschnitzeln, den Italiener mit den tollen Pizzen und der scharfen Ehefrau, den Ćevapčići-Jugoslawen, der den ganzen Tag über schimpfte, ohne dass jemand überhaupt wusste, worüber er schimpfte, den schüchternen Türken mit den leckeren Dönern und den eingebildeten Libanesen mit seinem angeblich besten Falafeln in den westlichen Hemisphären. Ich erfreute mich, heute Falafel zu essen und morgen Bockwurst, Schweineschnitzel oder einen Döner.

Ich besuchte arabische Familien und ging mit ihnen grillen. Gemeinsam mit ihren deutschen Nachbarn legten sie die Fleischstücke auf den Grill. Rechts Rind und Lamm, links Schwein und Würste.
Das Leben war schön, bunt und friedlich.

Ich ging mit einigen Arabern und anderen deutschen Linken demonstrieren, gegen Nato und den "Imperialismus". Ich engagierte mich in der Arbeit der "Dritte-Welt-Läden", ich besuchte den Deutschen Evangelischen Tag mehrere Male. Ich suchte die Verständigung und glaubte, wir könnten diese wertvolle und humane Gesellschaft ausbauen und aus den humanistischen Werten der Deutschen viel lernen. Ich kämpfte von Anfang an gegen die Reduzierung der deutschen Geschichte auf 12 Jahre NS-Herrschaft und wiederholte oft und nicht so selten den Begriff "Deutschland, Land der Dichter und Denker" längst bevor irgend jemand den Begriff von mir stahl.

Ich wurde vor vielen Jahren eingebürgert. Mein Sachbearbeiter, der von mir wusste, dass ich als Fernsehautor arbeitete, sagte mir schmunzelnd, ich solle ihm per Sprachtest nachweisen, dass ich der deutschen Sprache mächtig sei. Ich erwiderte "Es solle geschehen" und ich setzte fort: "Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz". Er lachte und ich lachte mit und daraus entstand eine gute Bekanntschaft und lange Freundschaft. Wenn wir privat telefonieren, fängt bis heute immer einer von uns an mit "Fritz fischt ....."

Vor Jahren besuchte ich Neukölln und erkannte meinen Stadtteil nicht mehr. Ich dachte, ich befäinde mich in Kabul. Die arabischen linken Freunde von damals sind heute alte bärtige Männer. Sie haben noch einmal geheiratet, nachdem sie sich von ihren deutschen Frauen zuvor scheiden ließen. Ihre neuen Frauen sind junge Araberinnen, Cousinen von ihnen, die sie hierher holten. Alle sind fromme und gläubige Moslems geworden, die felsenfest überzeugt sind, Deutschland werde in naher Zukunft islamisch und die Christen oder Juden, die nicht zum Islam konvertiert werden wollen, müssten dann Kopfsteuer (Jizia الجزية) zahlen und sich damit abfinden, Menschen zweiter Klasse zu sein. Meine "Freunde" von damals sagten mir auf meine Frage hin: "Ja, wir müssen Hindus, Buddhisten und sonstige Götzenanbeter töten. Bitte verstehe uns nicht falsch. Wir haben nichts gegen diese Menschen, aber wir müssen dem Gottesbefehl folgen."

Vor ein paar Wochen ging ich mit meiner Frau in meiner badischen Heimatstadt türkisch essen. Ich bestellte ein Bier, bekam es aber nicht. Die Kellnerin erklärte mir, es gebe hier in allen acht Restaurants am Marktplatz keinen Alkohol. Sie ergänzte, wer Alkohol trinke sei schlecht und ohne Moral. Bald werde man dafür sorgen, dass Alkohol nur in den eigenen vier Wänden getrunken werden dürfe.

Ein arabischer Freund von mir betreibt eine Pizzeria. Bei ihm gibt es Pizza mit Schinken und Salami, Bier und billigen Wein. Er erzählte mir, dass er von Fundamentalisten verstärkt die Aufforderung erhält, seine Speisekarte auf islamisch umzustellen und den Alkohol zu verbannen, sonst würde er mit Konsequenzen rechnen müssen.

Da wusste ich: Ich bin im Begriff, mein Deutschland zu verlieren.


Ich kam als Fremder nach Deutschland und es nahm mich mit all seiner Kraft auf. Heute kommt Deutschland fremd zu mir und ich weine Bluttränen, weil ich es nicht schützen kann.

Beim letzten Telefonat mit meinem Einbürgerungsbeamten sagte ich dieses mal "Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz NICHT mehr". Er stimmte resigniert zu.

Ich bin mit 57 nicht mehr jung, aber Ihr, meine Kinder, rettet Deutschland. Das ist ein humanistischer und kein chauvinistischer Aufruf. Stoppt den Siegeszug der Barbarei. Sagt Merkel und der gesamten politischen Elite, den Grünen, den Medien, der Gerichtsbarkeit und allen, dass Ihr entscheidet, wer zu Euch kommt und wer nicht. Denn das ist Euer legitimes Selbstbestimmungsrecht als Volk. Erinnert Cem Özdemir daran, dass ich nicht den Film "Cem Özdemir der Spätzletürke. Der Film" gemacht hätte, wenn ich gewusst hätte, dass er über die Köpfe der Menschen hier hinaus entscheidet, wer oder was zu Deutschland gehört.

Und vergesst nicht, mir mein altes Deutschland wieder zu geben, auch, wenn ich nicht mehr da bin.

Imad Karim
Ex-Moslem und verrückt nach Deutschland und nach der Freiheit
Fernsehautor und Humanist
عماد كريم
مسلم سابق ومجنون بحب المانيا والحرية
مخرج تلفزيوني ومتنور

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